Artikel “My Monopoly”

 


Ein Artikel unseres ESG-Vorstand Jochen Corts, der im Jahr 2002 in der spielbox erschien.

 


My Monopoly

MEI, OH, MEI!

Vor Überraschungen kann man wirklich nie sicher sein. Sonst wären es ja auch keine. Da will selbst die gute alte Tante „Monopoly“ keine Ausnahme machen. Wer etwa gemeint hatte, dieser Oldie aus den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts sei marketingmäßig längst vollständig ausgereizt, hat sich über die Jahre immer wieder eines Besseren belehren lassen müssen. Was da alles zusammengekommen ist, verdient einmal aus aktuellem Anlass, der Präsentation seiner individualisierten Ausgabe, als ein Stück Spielgeschichte in allen Facetten nachgezeichnet zu werden.

Im Zeitalter von Computer und Internet reicht es eben nicht mehr aus, ein gutes Brettspiel im Programm zu haben und es gelegentlich mehr oder minder intensiv zu bewerben. Nicht einmal dann, wenn es längst Teil der Sozialisation mehrerer Generationen geworden ist und fast keine Woche vergeht, in der man nicht in einer Zeitung oder Zeitschrift zur Illustration wirtschafts- oder tagespolitischer Fragen auf die Abbildung eines Monopoly-Bretts stößt, sei es im Original oder auch thematisch verfremdet. Dicht gefolgt übrigens von „Mensch ärgere dich nicht“ und „Memory“.

Permanente Imagepflege ist angesagt, mit Events ebenso wie mit Erweiterungen und Variationen. Futter für die Medien und Stoff, um den Kaufimpuls des Verbrauchers zu stimulieren. Der lange schon Chinesisch, Russisch oder auch Hebräisch spricht und weltweit in über 80 Ländern diesem Impuls weit mehr als 200-millionen Mal nicht hat widerstehen können. Von einem deutschen Nachrichtenmagazin vor etlichen Jahren einmal zum Kapitalismus-Dressurakt stilisiert, hat sich das Spiel damit zu einem echten Global Player der Spielwelt mausern können.

Zum festen Repertoire gehören die inzwischen im Zweijahresrhythmus durchgeführten Weltmeisterschaften, bei denen es Preisgelder im fünfstelligen Bereich zu gewinnen gibt. Mehrtägige Veranstaltungen mit einem großen Rahmenprogramm, vom Auftakt bis zum Finale äußerst medienwirksam inszeniert. Ob in Palm Beach, Berlin oder Monte Carlo, stets wird die in nationalen Ausscheidungen ermittelte Teilnehmerschar in Hotels der Nobelklasse untergebracht und beköstigt. Ausführlich nachzulesen in spielbox 1/84 und 6/92.

Angesichts des Rummels um die Einführung des Euro zur Jahreswende musste es natürlich auch zu einer Meldung geraten, wenn dieser Tage die letzte (D)Mark-Ausgabe vom Band gelaufen ist. Etwa so wie der erste Volkswagen in Brasilien. Immerhin war das Monopoly-Spielbrett in Deutschland 60 Jahre lang unverändert geblieben. Andererseits war man Mitte 1999 seiner Zeit mit einer so genannten Sammlerausgabe weit voraus, in der zur Abwechslung einmal nicht mit Badstraße und Schlossallee gehandelt wird, sondern mit den europäischen Hauptstädten – für Spielgeld im Design des damals noch gar nicht erhältlich gewesenen Euro.

Überhaupt, die je nach Thema auf ein paar zehntausend Exemplare limitierten Sammlerausgaben. Kein Anlass oder Charakter, der sich nicht monopolisiert vor den Umsatzkarren spannen ließe. Ob die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, die vermeintlich ebenfalls ball-spielenden Bayern aus München, taschengeldverschlingende Pokémon oder auch das Weltraumepos Star Wars, allesamt mit einer hinreichend großen Fangemeinde gesegnet, die sich offenbar bereitwillig in die Geiselhaft des Merchandising nehmen lässt. Was derzeit lediglich noch fehlt, sind Ausgaben zu „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ mit ihrem riesigen Fanpotential. Doch wer weiß, das Jahr ist ja noch lang

Erwähnenswert auch eine 1982 erschienene Replik der Ausgabe von 1936, die seinerzeit auf Druck der Machthaber sogleich wieder vom Markt genommen werden musste. Da wo jetzt die Schlossallee zu finden ist, hatte man das Berliner Prominentenviertel Schwanenwerder angesiedelt. Recht ungeschickt, hatte doch Hitlers Propagandaminister Goebbels just dort seinen Wohnsitz gewählt.

Neben den Sammlerausgaben sind im Laufe der Jahre auch eine ganze Reihe Spielvarianten erschienen. Wie schön für den Monopoly-Fan, wenn dabei tatsächlich auch spielerisch etwas rüberkommt.

So jüngst, wenn er sich an die „Die Börse“ begibt, die Reiner Knizia – als Autor ungenannt geblieben – um die Komponente des Streubesitzes an den einzelnen Feldern bereichert hat. Ein Besitz, der von einem elektronischen Broker verwaltet und mit Gewinnausschüttungen bedacht wird. Oder etwa auch, wenn er „Das Kartenspiel“ von Phil Orbanes zur Hand nimmt, das allerdings nicht im eigenen Hause, sondern bei Winning Moves erschienen ist.

Schon der „Monopoly Playmaster“, ein Elektronikableger der ersten Generation aus dem Jahre 1983 hatte Innovatives zu bieten. So beglückt er die Teilnehmer mit Sonderversteigerungen alle 4 bis 6 Spielrunden und gewährt ihnen Darlehen, ohne dass sie ihren Grundbesitz mit einer Hypothek belasten müssen. Freilich nichts, was seinen Preis von 300 DM hätte rechtfertigen können. Weshalb ihm dann auch nur ein kurzer Auftritt beschieden war. Wenig überzeugend auch „Baue auf der Schlossallee“, eine Aufforderung aus Anlass der 50-Jahr-Feier von Charles Phillips, wo ein paar durchaus interessante Ideen leider etwas leichtfertig verbraten worden sind.

Zu nennen ist auch ein „Monopoly Würfelspiel“ für unterwegs mit einem Satz Symbolwürfeln, das auf dem Cover ein „kniffliges Ereignis“ verspricht und in der Tat auf dem bekannten Kniffel-Prinzip beruht. Im Format noch unterboten von einer Original-Magnetic-Ausgabe, die nun wirklich in jede Westentasche passt. Als Kuriosität erwähnt sei noch eine Schokoladen-Ausgabe mit reduziertem Umlauf und Häusern, Hotels und Spielfiguren aus Vollmilchschokolade.

Im Reigen der Abwandlungen nicht fehlen darf natürlich eine Junior-Edition, mit der bereits 5- bis 8-Jährige zu kleinen Monopolisten herangezogen werden sollen. Statt Häusern und Hotels wollen hier Kassenhäuschen für Rummelplatz-Attraktionen aufgestellt werden. Eine entsprechende Reiseausgabe war seltsamerweise bereits mit vier Jahren Vorsprung unter den spielenden Nachwuchs gebracht worden.

Wie groß inzwischen der Anteil der Sammler- und Sonderausgaben geworden ist, lassen die Umsatzzahlen für das Jahr 2000 erkennen. Während auf die Standard-Ausgabe gerade noch 38 % entfielen, kam „Pokémon Monopoly“ bereits auf 34 % , steuerten „Junior“ und „Euro“ weitere 12 bzw. 10 % bei und landeten die Deluxe- und die Reise-Ausgabe bei 3 bzw. 2 %. Alle zusammen machten stolze 20 % des gesamten Umsatzes mit Spielen bei Hasbro Deutschland aus. Welche Sonderausgaben jeweils noch erhältlich sind, lässt sich unter www.monopoly.de in Erfahrung bringen, wo natürlich noch weitere Informationen über das Spiel zu bekommen sind.

Von der hohen Attraktivität des Spiels für jedwede Adressatengruppe zeugen zwei Spielautomaten, die Mitte der Neunzigerjahre gemeinschaftlich von Bally Wulff und einem Unternehmen der Gauselmann-Gruppe entwickelt worden sind. Neben einer gängigen Daddelkiste mit Monopoly-Sonderspielen wollte man die Spielothekenbesucher auch an einen elektronischen Monopoly-Spieltisch locken, um sie darauf tatsächlich nach den Standardregeln spielen zu lassen. Ein Teil der für die Teilnahme geleisteten Einzahlungen an den Gewinner der Partie wieder ausgeschüttet, der Löwenanteil floss dagegen als Benutzungsgebühr in die Taschen der Aufsteller, die damit Entwicklungskosten von immerhin rund einer halben Mio DM einspielen mussten.

Während diese beiden Saurier längst friedlich auf dem Automatenfriedhof ruhen, ist das Monopoly-Virus inzwischen natürlich auf die neuen Medien CD-ROM und Gameboy übergesprungen, wo es sich in diversen Ausführungen ausgebreitet hat. Derzeit neuester Ableger ist der „Monopoly Tycoon“ von Infogrames, von dem seit dem 17.12.2001 unter www.infogrames.de ein Patch nebst mehreren Downloads als Köder ausgeworfen wird.

Doch zurück zu den Brettspielen. Mag auch der Hersteller im Laufe der Jahre eine beachtliche Reihe von Sammler- und Sonderausgaben herausgebracht haben, so ist dies doch nichts im Vergleich zu der Flut an Veröffentlichungen einer ganzen Heerschar von Titellutschern und Plagiateuren. Während die einen es fast schon geschafft haben, durch exzessiven Gebrauch den Wortteil -poly in den Rang eines sog. Suffixoides, einer Halbendung, zu hieven, haben sich die anderen mitunter geradezu schamlos über das Spielprinzip selbst hergemacht.

Nicht einmal ein kirchlicher Verlag ist davor zurückgeschreckt, die Spielmechanik nahezu eins zu eins auf ein biblisches Thema zu übertragen und damit unter dem Titel „Shalom“ auf Seelenfang zu gehen. In Österreich hat sich „Das kaufmännische Talent“ gegenüber den Monopolbestrebungen aus den fernen USA sogar republikweit durchsetzen können. Und seit etlichen Jahren kann man hierzulande in vielen Städten auf Monopoly-Adaptionen stoßen, in denen das vertraute Straßenbild durch ortsansässige Unternehmen ersetzt worden ist.

Ein Terrain, dass neuerdings offenbar gezielt zurückerobert werden soll. Nicht juristisch, sondern mit einer offiziellen Städte-Edition, die wie bereits „Das Kartenspiel“ in Lizenz bei Winning Moves erscheint und bald flächendeckend für jede Großstadt von Amsterdam bis Zürich zu haben sein dürfte. Dass gerade dieser Newcomer unter den Spieleverlagen als Straßenkämpfer rekrutiert worden ist, kann nicht überraschen, war doch Mitgesellschafter Phil Orbanes früher elf Jahre lang Leiter der Spielentwicklung bei Parker Brothers, USA, wo er auch als Autor eines Monopoly-Taschenbuches hervorgetreten ist.

Noch einen letzten Schritt in Richtung totale Individualisierung gegangen ist man jetzt im Hause Hasbro selbst. Zur gerade beendeten Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg wurde mit großem Medienauftrieb das Konzept für eine persönliche Spiel-Edition vorgestellt. Unter dem Titel „My Monopoly“ hat nunmehr aber auch wirklich jeder die Möglichkeit, sich sein eigenes Monopoly-Spielbrett zu gestalten, indem er alle oder doch zumindest einen Teil der Straßen und Bahnhöfe nach Gusto umbenennt.

Wer in seinem Leben oft genug umgezogen ist, wird wahrscheinlich bei Straßennamen bleiben. Ein erfolgreicher Herzensbrecher, der neben Bett- immer noch Zeit für Brettspiele findet, könnte dagegen auf die Idee kommen, die Schar seiner Verflossenen auf diese Weise zu verewigen. Oder eben wie der Verfasser dieser Zeilen alle Printmedien zusammenstellen, in denen er über die Jahre Spiele besprochen hat, und dabei die vier Bahnhöfe, mit einem anderen Symbol versehen, den Computerzeitschriften reservieren.

Nach der bisherigen Konzeption sind allerdings ein Internetanschluss und eine Kreditkarte unabdingbar, um die Eintragungen auf einer Bildvorlage vornehmen und die Rechnung sofort begleichen zu können. Kaum dass der Besucher die Seite unter www.mymonopoly.de betreten hat, bekommt er auch schon mittels eines musikalisch unterlegten Demos die gestalterischen Möglichkeiten vorgeführt.

Um die weitere Online-Zeit zu verringern, lässt sich sodann nebenstehendes Formblatt herunterladen, auf dem in aller Ruhe die gewünschten Änderungen zusammengestellt werden können. Binnen einer knappen viertel Stunde ist schließlich alles erledigt. Dabei sollte man sich von diversen Orthographiefehlern auf der Bildvorlage nicht irritieren lassen, die schon bei der abschließenden Präsentation nicht mehr auftauchen.

Es besteht jederzeit die Option, den gesamten Vorgang abzubrechen oder die bisherigen Eintragungen speichern zu lassen, um sie erst bei nächster Gelegenheit zu vollenden. Der Weg durchs Menü bereitet keinerlei Probleme und kann in jeder beliebigen Richtung beschritten werden. Wer mag, kann sich auch Anregungen zu dem von ihm gewählten Thema geben lassen, falls ihm selbst die Ideen ausgehen sollten. Nicht stören darf man sich daran, ungefragt geduzt zu werden, was ja auch dem Stil mancher Spielanleitung entspricht.

Das fertige Spiel kommt dann ein paar Wochen später direkt aus der Produktionsstätte in Irland per Post ins Haus. In einer Metalldose mit einem auf den Deckel geprägten Rich Uncle, dem klassischen Monopoly-Männchen, und einem Aufkleber, der auf das gewählte Thema hinweist. Und dann ist es endlich soweit, und der – HdR-Fans aufgepasst! – Eine Spielplan kann zur allgemeinen Bewunderung freigegeben werden.

Muss sich leider aber auch einige kritische Kommentare gefallen lassen. So ist der Plan alles andere als dies, wölbt sich vielmehr stellenweise ziemlich stark nach oben. Auch das Layout erscheint noch verbesserungsbedürftig, ist doch die Schrift nicht immer mittig und teilweise sogar zu dicht an den Rand gerutscht. Für der Gestaltung wäre wünschenswert, dass Wasser- und Elektrizitätswerk wie die anderen Grundstücke ebenfalls umbenannt werden können. Alles Schwachpunkte, die unschwer zu beseitigen sein sollten.

Mit „My Monopoly“ hat der Verlag eine Idee aufgegriffen, die manch einer früher schon im Klebeverfahren umgesetzt haben mag. Flachbettscanner und Bildbearbeitungsprogramm eröffnen inzwischen sogar die Möglichkeit zu einer professionell wirkenden Ausgabe Marke Eigenbau, wenngleich es dann immer noch an den passenden Grundstückskarten mangelt.

Um auch diesen Mangel abstellen zu können, gibt es in den USA bereits seit vier Jahren ein Computerprogramm mit dem vielsagenden Titel „Make your own -opoly“. Ohne dass jedoch die Website des Herstellers (www.tdcgames.com) eine Online-Bestellung außerhalb der Staaten zulässt.

Es hat schon seine Faszination, sich selbst in einer individuellen Monopoly-Ausgabe wiederzufinden oder dieses Vergnügen jemand Anderem aus besonderem Anlass zu bereiten. Deshalb wird sich so mancher der Verlockung nur schwer entziehen können, ein solches Monopoly-Unikat sein Eigen zu nennen oder sich damit anderswo zu verewigen. Mag auch der Spaß inklusive Umsatzsteuer und Versand mit 154,75 € ganz ordentlich zu Buche schlagen.

Indes ohnehin nur ein Klacks im Vergleich zur Sammler-Edition von Franklin Mint, die dank edler Verarbeitung und Ausstattung auf stolze 595 $ kommt und zudem seit Anfang dieses Jahres nur noch direkt aus den USA bezogen werden kann, was obendrein mit erheblichen Versandkosten verbunden ist. Ihrerseits wiederum verblassend gegenüber einem Unikat mit Spielfiguren aus purem Gold und edelsteinbesetzten Häusern im Wert von rund 1 Mio $.

Um jetzt bloß keine Neidgefühle aufkommen zu lassen und Einbrecher nicht auf falsche Gedanken zu bringen: Dieses edle Stück ist nicht Teil der Sammlung des Verfassers. Zum Glück, leider.

L.U. Dikus

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